Skip to main content

Schlussbetrachtung

Die Geschichte des klassischen Islam geht hier zu Ende, denn was von der islamischen Kultur weiterlebt bis zu dem Augenblick, da die großen Veränderungen der neuesten Zeit einsetzen, ist entweder tief gesunken oder schon tiefgehend gewandelt. In Marokko, in Persien, in Indien wirken noch Werte und Kräfte der Vergangenheit fort, aber die arabische Welt ist schwer getroffen. Das halbe europäische Reich der Osmanen sowie die neu islamisierten Länder Afrikas und Indonesiens genügen den Vorstellungen und Forderungen nicht mehr, die für den mittelalterlichen Islam verbindliche Gültigkeit besaßen. In ferner Zukunft liegt noch das Wiedererwachen des Islams, der sich in unserer Zeit bemüht, seinen Platz in einer gründlich verwandelten Welt zu finden.

Die Geschichte ließ keine Rückkehr des klassischen Islams zu, aber wir dürfen fragen, warum er versunken ist. Mag er auch langsamer und nicht so vollständig untergegangen sein, wie man geglaubt hat - seine großen Tage sind unwiederbringlich dahin. Daran änderte auch die Zeit der Auferstehung nichts, die er im Istanbul der Osmanen erfuhr. Die Ursachen seines Erlöschens sind äußerer und innerer Art, und es wäre ungerecht, nur die einen oder die anderen verantwortlich zu machen. Die europäische Entwicklung der neuen und neuesten Zeit nahm - das ist unbestreitbar - denen, die ihr nicht zu folgen vermochten, die Möglichkeit einer dauerhaften Selbstbehauptung, und die Konkurrenz und spätere Herrschaft des Abendlandes mußte dem Islam den wirtschaftlichen Ruin bringen und ihn damit auch von seiner kulturellen Höhe herabstürzen. Ist auch die Frage müßig, warum Europa, warum nicht der Islam den Aufbruch zur Neuzeit begann, so bleibt doch die andere: Warum vermochte der Islam nicht, als es noch Zeit war, Europa zu folgen und es seinerseits herauszufordern?